Geburtsbericht von E. : Träume und Wirklichkeit. Achtung Triggergefahr!

Einleitung, Tag 1:
Am 6.11.17 war morgens alles ruhig, nichts deutete auf eine bevorstehende Geburt hin, E. schien sich im Bauch noch sehr wohl zu fühlen. Um 8Uhr sollte ich im Kreißsaal anrufen und mich erkundigen, wie die Lage sei. Im Kreißsaal war es ruhig und die Hebammen hatten Platz für uns. Wir brachten O. zur Leihoma und fuhren im Anschluss ins Krankenhaus. Am Kreißsaal angekommen, wurden wir zunächst gebeten uns im Erdgeschoss anzumelden und dann nochmal im Wartebereich Platz zu nehmen, den Koffer und die Tasche mit dem Wichtigsten durften wir bereits im Wehenzimmer stehen lassen. Nach 1h wurden wir zu einer jungen Ärztin gebeten, die einen Ultraschall machte und sich die alte Kaiserschnittnarbe genauer anschaute. Anschließend wurde beratschlagt über die Art der Einleitung und die Wahl der Ärzte fiel auf einen Ballonkatheter, weil mein Muttermund bereits 1cm geöffnet war. Wir wurden in einen anderen Raum gebracht und ich nahm auf dem typischen Gynäkologen Stuhl Platz. Die junge Ärztin wurde von einer hospitierenden Medizinstudentin unterstützt, sodass sich das Einsetzen und Befüllen des Ballons sehr in die Länge zog. Nach 2 Anläufen wurde die Oberärztin hinzugezogen, die ihrerseits auch 2 Versuche benötigte, damit der Ballon endlich richtig saß. Der Mann wird an dieser Stelle beim Lesen wahrscheinlich sagen, dass es bereits jetzt zu harmlos klingt. Ja, OK. Das Einsetzen des Ballonkatheters war sehr schmerzhaft und rückwirkend betrachtet auch traumatisierend. Es war wie eine Vergewaltigung. Ja, ich glaube das beschreibt es ganz gut. Auf dem Rücken liegend, die Ärzte herumstochernd, „ich bekomme den Muttermund nicht zu fassen, er flutscht immer wieder weg“, „setzen Sie sich bitte auf ihre Hände, dann liegt ihr Becken höher“, „Nein, das hat wieder nicht geklappt“, „das tut jetzt weh“ und nach jedem Versuch die Ernüchterung dass es wieder nicht geklappt hat. Ich habe mich die ganze Zeit ausgeliefert gefühlt und wäre am liebsten wieder nach Hause gefahren. Aber ich wollte die Geburt endlich beginnen und wenn der Ballon dazugehörte, dann war das halt so. 

Nach dem Einsetzen merkte ich wie alles zitterte, wie ich kalten Schweiß hatte und es mir richtig körperlich schlecht ging. Der Mann wurde losgeschickt, damit er mir etwas zum Essen besorgte, während ich mich nach dem Anziehen lieber noch einmal hinlegen sollte. Nach ein paar Minuten wurde es zum Glück besser und ich ging zum Kreißsaal zurück. Dort wurde ein CTG im Wehenzimmer geschrieben um sicherzugehen, dass es E. gut ging. Währenddessen durfte ich Essen und mir ging es zusehends besser. 

Nach dem CTG ( gegen 15 Uhr ) bezog ich mein Zimmer auf Station und hatte bis zum erneuten CTG um 20 Uhr Pause. Den Mann schickte ich nach Hause, bei mir tat sich eh nichts und heute würde sich E. nicht auf dem Weg zu uns machen.

Einleitung Tag 2:
 

Der 7.11.17 begann mit erneutem CTG um 9 Uhr, das wieder unauffällig war und keinerlei Wehen zeigte. Bis zum Mittagessen vertrieben wir uns die Zeit, denn nach Ziehen des Katheters um 13 Uhr könnte es spannend werden. Das Entfernen des Katheters war denkbar unspektakulär und anders als das Einsetzen nicht schmerzhaft. Das anschließende CTG zeigte jetzt erste Wehen, die schön regelmäßig kamen und sehr gut auszuhalten waren. Wir bezogen gegen 15 Uhr Kreißsaal B und der Mann packte seinen Espresso- und Brotdosenvorrat aus. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er die ganze Nacht durchmachen können. Ich bekam einen ersten Tropf mit Oxytocin und wurde dauerhaft ans CTG angeschlossen, das jetzt regelmäßige Wehen aufzeichnete. Gegen 18 Uhr twitterte ich „Alle 2Minuten Wehen seit 1,5h. Um 20 Uhr dann das Update „Muttermund bei ca. 4cm, Wehentropf-Pause bis 22 Uhr.“

Wir nutzten die Zeit um Spazieren zu gehen und um mögliche eigene Wehen zu produzieren. Um halb11 dann die Ernüchterung: der Muttermund ist nicht wirklich geburtsreif. Die Hebammen ließen uns die Wahl ob wir die Nacht weitermachen oder ob ich schlafen gehe und Kraft für die Geburt sammel. Eigentlich wollte ich weitermachen, E. endlich kennenlernen aber Schlaf klang auch verlockend, sodass ich mich überzeugen ließ und wieder mein Bett auf Station bezog. In der Nacht hatte ich immer wieder Wehen, die zum Teil schmerzhaft waren, die im Stehen am Fenster aber noch ganz gut auszuhalten waren.

Einleitung Tag 3:

Am 8.11.17 wachte ich morgens relativ ausgeruht und positiv gestimmt auf, zog meine Lieblingssocken und ein Kleid an, dass ich extra für die Schwangerschaft besorgt hatte und bei der Geburt tragen wollte. Nach dem Frühstück traf ich mich mit V. am Kreißsaal und wir bekamen einen der größeren Räume zugeteilt, mit Ausblick über die Stadt. Bis Mittags lief der Wehentropf in einer Tour und das CTG zeichnete schöne regelmäßige Wehen auf. Bei jeder Untersuchung folgte aber die Ernüchterung: die Wehen waren kein bisschen Geburtsfördernd. Ich verbrachte den Tag Hüftkreisend und dem Radio lauschend, die meiste Zeit stehend und manchmal auch recht laut atmend. Die Hebammen hatten bereits morgens alles für E. herausgelegt, was mich immer noch an eine baldige Geburt glauben ließ. Nachmittags machte die leitende Hebamme eine Eipol-Lösung, die die Wehen kurzfristig stärker werden ließ. Um 18 Uhr öffneten sie die Fruchtblase, in der Hoffnung dass die im Fruchtwasser enthaltenen Hormone die Geburt beschleunigen würden. Anschließend wurde noch eine Weile CTG geschrieben bevor wir zu einem erneuten Spaziergang aufgefordert wurden. Der Spaziergang war ziemlich anstrengend, alle paar Meter musste ich stoppen und Wehen veratmen. Zwischendurch telefonierte ich mit meiner Mama und erkundigte mich, wie es O. geht, die am 7.11. in einer Nacht- und Nebelaktion von der Leihoma zur Oma ins Sauerland umziehen musste, weil die Leihoma leider arbeiten musste und nicht auf eine längere Einleitung eingestellt war.

O. ging es gut und schlief bereits, das beruhigte mich ein wenig.

Zurück auf Station wurde der Oxy-Tropf erneut angestellt und die Wehen kamen wieder im 1-2 Minuten-Takt. Gegen Mitternacht wurde die Frequenz immer schneller und ich hatte das Gefühl die Wehen nicht mehr richtig veratmen zu können. Die Hebamme bot mir an, Lachgas zu probieren, was ich dankend annahm. Lachgas half mir tatsächlich für schätzungsweise 30 Minuten und danach waren die Wehen wieder nicht mehr gut auszuhalten. Gegen 1 Uhr nachts war ich vor lauter Schmerzen nur noch am Weinen, das Veratmen ging selbst mit größter Anstrengung nicht mehr. Ich bat um eine PDA und ab diesem Moment ist die Nacht vom 8.11. auf den 9.11. nur noch schemenhaft in meiner Erinnerung. Die Schmerzen wurden erträglich aber im Liegen war es dennoch immer noch sehr krass. Meine Lieblingshebamme kümmerte sich wie eine Mama um uns und schaffte es, dass wir uns ein paar Stunden ausruhen konnten. V. bediente für mich immer wieder die Schmerzpumpe, weil ich mich selbst nicht dazu in der Lage fühlte. Am Morgen waren meine Beine komplett gefühlslos und meine Blase hatte sich entleert. Einer der beschämensten Momente für mich. Der Oxy-Tropf wurde wieder angeschlossen und ich war bereits nach einigen Minuten wieder an meinem Limit. Ich konnte die Wehen kaum noch tolerieren, wusste nicht wo ich sie hinatmen soll. Dazu kam immer wieder die Ernüchterung und auch langsam die Verzweiflung, weil sich am Muttermund nichts tat. Bis 12 Uhr durfte der Muttermund reifen aber es zeigte sich, dass er sich in den Wehen immer noch zusammenzog, nicht geburtsreif war und sich auch nicht weiter öffnete. Ich war verunsichert und glaubte nicht, dass ich es weiter aushalten kann und sich E. so auf den Weg zu uns macht. Schweren Herzens bat ich um den Abbruch und um einen Kaiserschnitt. Die Hebammen unterstützten den Wunsch, auch in ihren Augen war es ein Geburtsstillstand.

9.11.17

Es kam der Anästhesist zur Aufklärung und der Operateur. Ich bekam ein OP-Hemd und wurde vorbereitet. Der Kaiserschnitt war für 16 Uhr angesetzt, da vorher kein OP frei war und ich 4h nüchtern sein musste. Wir verbrachten die Stunden mit Warten und damit, die wichtigsten Personen zu informieren.

Um kurz vor 4 war es soweit und ich wurde von der Hebammenschülerin in den OP gefahren, V. durfte mich begleiten.

Und dann begann der Horror:

In einem kleinen Raum vor dem OP wurde ich umgebettet und an die Geräte angeschlossen. Der Anästhesist spritzte die PDA auf und ich merkte, wie die eine Körperhälfte taub wurde. Die andere Seite hingegen blieb unverändert. Der Anästhesist lagerte mich immer wieder neu, in der Hoffnung, dass die Betäubung so auch auf die andere Hälfte herüberfließt. Nach einer Weile war der OP frei und ich wurde hingefahren. V. durfte nachkommen sobald alles endgültig vorbereitet war. Das zog sich eine Weile aber dann durfte er zu mir hinein und an meinem Kopfende Platz nehmen. Er hielt meine linke Hand und an meiner rechten Hand war die Hebammenschülerin, die mir beruhigend zuredete. Bis hierher war ich nur mäßig aufgeregt, den Ablauf des Kaiserschnittes kannte ich ja bereits von O.

Die Ärzte machten einen letzten Test ob die Betäubung wirkte und zwicken mich mit einer Pinzette an verschiedenen Stellen im Bauch. Dazu sollte ich ihnen Rückmeldung geben und war eigentlich nur als Routine vorgesehen. Ich merkte an der linken Körperhälfte alles. Ohne irgendeine Dämpfung. Ich sagte das, wurde aber gefühlt nach einer Weile nicht mehr ernst genommen. „So richtig merken Sie das nicht mehr.“

Das war falsch! 

Der Anästhesist spritzte die PDA ein letztes Mal auf und sagte mir, dass er nicht noch mehr geben könne. Um 16:50 Uhr („Wir beginnen dann jetzt!“) setzte der Arzt das Skalpell an und ich merkte, wie er jede einzelne Hautschicht durchtrennte. So etwas Schlimmes habe ich noch nie erlebt. In meiner Erinnerung schrie ich, dass er aufhören soll aber V. sagt, dass es nicht so war. Ich wimmerte und jammerte wohl relativ leise im Vergleich zu meiner Erinnerung. Der Anästhesist gab mir ein anderes Mittel und ich sah plötzlich nichts mehr, fühlte aber noch immer diesen wahnsinnigen Schmerz. Meine Ohren fingen an zu rauschen und plötzlich hatte ich eine Maske auf dem Mund und bekam eine Vollnarkose. V. musste sofort den OP verlassen und durfte E. nicht sofort in Empfang nehmen. 
Die ersten Stunden nach dem Kaiserschnitt sind ganz verschwommen. Irgendwann war ich wieder im Kreißsaal und war unfassbar am zittern und am frieren. V. hatte die Hebammenschülerin gebeten E. noch nicht anzuziehen, damit ich ihn mir nackt auf die Brust legen konnte und diesen wertvollen ersten Moment genießen konnte. Die Hebammenschülerin war seiner Bitte nachgekommen und hatte damit Kopf und Kragen riskiert. Einige Tage später erfuhren wir erst davon und waren total geschockt, dass sie für so viel Empathie bestraft wurde.

Noch halb narkotisiert hatte ich ein Gespräch der Ärzte aufgeschnappt, in dem es um eine Arterienverletzung ging und dass ich wohl sehr viel Blut verloren hatte. Wahrscheinlich ging es mir auch deshalb in den ersten Stunden so beschissen. 

Nach kurzer Zeit im Kreißsaalurde ich mit meinem Bett auf den Flur geschoben, hinter einen Paravent. Ich hatte sehr starke Schmerzen und war eigentlich nur am wimmern und bat V. mehrfach, dass sie mir was gegen die Schmerzen geben sollten. „Sie haben schon Morphin bekommen“ war da nicht die Antwort, die ich mir gewünscht hatte. 

In der Zwischenzeit hatte V. trotz dem vielen Trubel im Kreißsaal eine Pizza mit den Hebammen bestellt, die tatsächlich schneller geliefert wurde als ich ein Schmerzmittel bekam.

Gegen 20 Uhr war Schichtwechsel im Kreißsaal und meine Lieblingshebamme aus der Nacht zum 9.11. war wieder da und kümmerte sich wie eine Mama um mich. Sie gab mir Bachblüten-Tropfen, damit ich kein Trauma bekomme. Das hat leider nicht geholfen aber wer weiß, wie schlecht es mir sonst gehen würde.

Gegen 22 Uhr wurde ich auf Station zurückgefahren und konnte langsam zur Ruhe kommen.
Über die erste Zeit mit E. und wie O. auf ihren kleinen Bruder reagierte und wie der Alltag mit zweien ist, darüber schreibe ich bald.

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